Gekritzel, mal wieder

Der Eine oder die Andere erinnert sich vielleicht an dieses Ohr

Es entstand vor Jahren auf einer Jugendfreizeit in Holland, bei der wir alle im Specksteinfieber waren. Nach dem ich Speckstein zum letzten Mal in fernen studien Tagen angefasst hatte und das Zeug danach für alle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gebannt worden war, wegen der Asbest Problematik, hatte mich meine wunderbare Kollegin Sabine darauf aufmerksam gemacht, dass wir endlich wieder raspeln und schnitzen dürfen, weil der in Deutschland angebotene Speckstein nun garantiert Asbest frei ist.

Dazu habe ich von einer lieben Freundin den Rat bekommen: „Du musst den Stein ansehen und ihm zuhören, dann sagt er dir, was er werden möchte“ Solche esoterischen Herangehensweisen haben mich noch nie in meiner Kunst beflügelt. Also habe ich am Anfang der Freizeit überlegt: „Was will ich schnitzen“ und mich für ein Ohr entschieden. Jede Menge Modelle waren ja gegeben und klein gesägte Specksteinstücke waren schon am ersten Nachmittag vorhanden; wie gesagt, da grassierte ein Fieber und alles raspelte, schnitzte und sägte vor sich hin.

Passend zu meinem Ohr-Plan habe ich mir dann ein genügend großes Reststück gegriffen und für den Rest der ersten Woche immer auf das Ohr gestarrt, was gerade für mich still gehalten hat, wann immer sich die Gelegenheit ergab, an dem Stein zu arbeiten. Es ist also sozusagen ein absolutes Durchschnittsohr, denn alle Ohren, die auf der Freizeit dabei waren haben zwischendurch mal Modell gestanden. Auf dem Heimweg hat es sich leider eine kleine Macke zugezogen, aber ich habe es dann doch mal in meine Fundus der „seltsamen Bastelarbeiten“ gelegt.

Da es mir zur Zeit an der Gelegenheit zum Aktzeichnen mangelt, ich aber in Form bleiben will, habe ich es wieder hervor gekramt, dieses Ohr, das mir nichts erzählt hat, sondern artig zugehört, was es werden sollte, und nutze es für meine morgendlichen Kritzeleien.

Nasen, Augen und Finger sind leider nicht auf folgenden Freizeiten entstanden, so viel Specksteinstaub wie damals in Holland haben wir nie wieder produziert, im Moment grassiert eher das Perlchenfieber oder der Aquarellwahn, wie sagte schon der Prediger Salomons: „Ein jedes Ding hat seine Zeit.“

 

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